Archive for April 2013

Zu Lasten der Reißverschlüsse

27. April 2013

Die moderne Kleidungstechnik schaffte es Kleidungsstücke herzustellen, in denen man unbeschadet derart hoch in die Atmosphäre aufsteigen kann, dass man nachher über Diktaturen zu phantasieren anfängt. Aber einen ordentlich funktionierenden Reißverschluss hat die Technik noch nicht bereit gestellt. Oder vielmehr: einen Reißverschluss, der aus Sicht der Konsumenten ordentlich funktioniert. Aus Sicht der Hersteller dient ja ein Reißverschluss dazu, zu verhindern, dass ein Kleidungsstück zu lange hält.
Alle meine Jacken, auch die teuren, hätte ich länger tragen können, hätten die Reißverschlüsse länger gehalten. Gerade bei sogenannten wasserdichten Gortex-Jacken kann man ja keinen neuen Reißverschluss einnähen sonst wären sie noch weniger wasserdicht als sie ohnehin schon sind.
Bei meinem vorigen Rucksack waren Reißverschlüsse defekt. Zumindest aus der Sicht der Hersteller, denn sie hielten sehr lange. Diesen Rucksack trug ich über Jahre tagaus tagein – und als er dann nach langer Zeit durchgescheuert war, funktionierten die Reißverschlüsse noch immer. Daher kaufte ich mir als Nachfolgerucksack einen baugleichen der selben Marke. Doch diese hatte in der Zwischenzeit auch schon ihre Hausaufgaben gemacht und verwendet nun auch Reißverschlüsse, die zwicken und klemmen – in der Hoffnung, dass es die Benützer einmal so eilig haben, dass sie versuchen den Reißverschluss mit Kraftanstrengung zu öffnen, wodurch er dann endlich seine wahre Funktion erfüllt, nämlich kaputt zu gehen.

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Wandern auf der schirchsten Straße Englands

15. April 2013

Zu den zehn Dingen, die man nicht unbedingt machen muss, wenn man in Bristol ist, zählt die Wanderung von Avonmouth nach Severn Beach. Es sei denn, man möchte einsdreiviertel Stunden auf der schirchsten Straße Englands einher schreiten, während Myriden Autos – vornehmlich Lastautos – lautstark vorbei rasen. Das klingt dann so: fjoing, frum, fjoing, rongogngong, fjoing, flopflopflopflopflpop, fjoing, fjoing, usw.
Wer bei dieser Wanderung den besonderen Kick sucht, der unternimmt sie bei Regen. Dann wird der Straßenlärm noch viel intensiver und mit einem zusätzlichen wscht-wscht-wscht-wscht-wscht-wscht … unterlegt. Und auch der Methangeruch der Müllkippe bekommt durch die Feuchte die ganz besondere Würze.
Puristen allerdings wählen die Variante mit Regen und heftigem Gegenwind sowie Temperaturen unter 5 Grad Celsius.

Ich bin ein Retro-Pionier

3. April 2013

Zur vorigen Wortspende möchte ich doch anmerken, dass ich eigentlich ein Retro-Pionier bin. Zwei Beispiele, um das zu demonstrieren: Die Hormone bewirken, dass Leute, wenn sie an die dreißig Jahre alt werden, wieder an die Musik denken, die als Jugendliche hörten und an die typischen Kultobjekte jener fernen Zeit. Ich war da schon etwas früher dran als die anderen – und so geschah es, dass ich vor dem 70er-Jahre-Boom und vor „Wicki, Slime & Piper“ von Plattenladen zu Plattenladen und von Altwarentandler zu Altwarentandler zog, um Platten von Alvin Stardust, Suzi Quatro, Mud und Konsorten zu suchen. Das waren Namen, die keinem mehr was sagten. Meine bescheidene Ausbeute waren eine Kassette (!) von Suzi Quatro und ein Sampler, auf dem zwei Lieder von Alvin Stardust drauf waren. Wenige Jahre später waren die 70er dann auf einmal in und ich konnte mir alle die CDs von Stars kaufen deren Platten ich mir als Jugendlicher nie leisten konnte und mit von Freunden aufgenommenen Kassetten (!) vorlieb nehmen musste. Dazu kam, dass ich zwar zur Firmung einen Radiorecorder bekommen hatte, dieser aber nie richtig funktionierte. Keine Ahnung wie oft ich ihn zurück ins Radiogeschäft brachte, um ihn reparieren zu lassen. Aber wozu erzähle ich Ihnen das jetzt? Das erste Beispiel war also meine Vorwegnahme des 70er-Jahre Booms.
Beispiel zwei: Filterkaffee. Vor ein paar Jahren – es war die Zeit als die Kapselespressomaschinen anfingen, in Mode zu kommen – tat ich allerorten kund, dass mir Filterkaffee besser schmecke als Espresso, komme er jetzt von Kapselmaschinen oder sündteuren Vollautomaten. Allenfalls den Kaffee aus den zusammenschraubbaren italienischen Alukaffeekannen ließ ich noch gelten. Und das war keine Modeverweigerung: ich hatte den Filterkaffee – am besten mit Kuhmilch – am liebsten. Wenn ich wo zu Gast war, war es fast unmöglich, Filterkaffee angeboten zu bekommen. Alle hatten ihre Kaffeemaschinen schon weggeräumt oder beim Flohmarkt abgegeben. Und die klassische Kaffeekanne war überhaupt verschwunden. Das heißt: In Geschäften gab es noch Kaffeeservices – bestehend aus Tassen, Untertassen und einer Kanne – zuhauf, doch wenn man schon einmal wo Filterkaffee bekam, dann kam der aus der Glaskanne der Kaffeemaschine und die Porzellankanne ruhte irgendwo in den Eingeweiden der Hinterzimmerkästen.
Ich freue mich, dass ich sowohl Besitzer als auch Benutzer von Keramikkannen bin.
Von meiner Großmutter habe ich einen Melitta-Keramikfilterhalter 101 geerbt, den ich täglich für meine Startertasse Kaffee im Büro verwende. Ich besitze auch zwei Melitta-Keramikfilterhalter 102. Nur mein Viertassenfilterhalter ist aus Plastik; aber früher oder später werde ich auch dafür einen aus Keramik finden. Der Vollständigkeit halber darf ich noch anmerken, dass ich Fairtrade-Kaffee bester Qualität verwende. Und das war auch schon Beispiel Nummer zwei. Seit knapp einem Jahr – mittlerweile gibt es außer meinem keinen Haushalt mehr ohne Espressomaschine – hat sich herumgesprochen, dass Filterkaffee doch der bessere ist. Was ich jetzt doch gestehen muss: die Walküre Keramikkanne mit Keramikfilter, für den man nicht einmal einen Papierfilter braucht, habe ich erst erstanden als sie schon hip war.
Und um noch einmal auf die vorige Wortspende zurück zu kommen: Ich werde mir jetzt tägliche eine Kassette anhören, um die Kassettenretrowelle ins Wallen zu bringen.

Nachtrag, 25. August, 2013

Ich freue mich, der Welt bekannt geben zu dürfen, dass ich nunmehr auch einen Viertassenfilterhalter aus Porzellan besitze. Ich habe ihn in einem gut sortierten Geschirrgeschäft in Amstetten erstanden.